Christof Zahalka: Lehmgrube, Ziegelei und Landschaft


Natur statt Deponie – Wanderung mit Picknick

Geschichte der Ziegelei Hackenbach

Lehm zur Ziegelgewinnung gibt es rings um Kronburg reichlich und so gab es wahrscheinlich schon zur Zeit des Schloßbaues einen Ziegelofen. In einem Steuerverzeichnis von 1603 sind Ziegelhütten erwähnt. 1604 haben die Flößer von Lautrach 13 Flöße mit Ziegeln, Kalksteinen und Holz auf der Iller nach Kellmünz gebracht und Schloss Zeil wurde 1605 mit rund 20.500 Steinen beliefert.
Im Jahre 1818 wird eine Ziegelei mit Ziegelofen und gemauertem Kalkofen erwähnt, die ab 1856 Konkurrenz durch den „Ziegeltoni“ Anton Waldmann bekam. An der nord-ost-Grenze von Kronburg Richtung Woringen lag einst die Ziegelei des Tobias Stetter.
Anton Häßler kaufte 1882 den Hackenbacher Betrieb und kaufte von der Witwe des Konkurrenten Anton Waldmann deren Ziegelei auf Abbruch, mit der Maßgabe, dass an diesem Ort keine Ziegelei mehr gebaut werden darf. Die Ziegelei Hackenbach bestand damals aus einem Wohnhaus, aus dem Ziegelofen und 4 Städeln, dort wo heute die Ziegelei steht. Der Ziegelofen war ein periodischer Ofen, der im Jahr etwa 20 mal gefüllt, geheizt und geleert wurde. Mit den Ziegeln wurde früher Kalk gebrannt. Bei einem Brand entstanden etwa 45 Zentner Kalk und 10.000 Ziegel bei einer Jahresproduktion von ungefähr 200.000 Ziegelsteinen.
Als 1904 die Bahn kam, errichtete Andreas Häßler eine neue Ziegelei mit Ringofen, um 1910 wurde das bisherige Wohnhaus erweitert, 1923/24 wurde die sogenannte Häßlervilla erbaut.
Vor 1939 waren in Hackenbach bis zu 30 Italiener untergebracht. Das man Ausländer zur Arbeit ins Land holte ist keine Nachkriegserfindung, sondern war schon vor 1900 üblich. Vor allem Italiener kamen ins Deutsche Reich, um als Bauarbeiter (z.B. Eisenbahnbrücke Illerbeuren), Ziegler oder Terrazzoleger zu arbeiten. Es waren arme Leute, die sich hier ein besseres Leben erhofften. Gerade im Bereich Terrazzo machten sich viele Italiener weit vor 1900 auch in deutschen Kleinstädten selbstständig.
In den 50er Jahren wurde die Ziegelei ans Ziegelwerk Klosterbeuren verkauft und modernisiert, in den sechziger Jahren entstand die neue Verwaltung. Um 1985 wurde die Ziegelei Hackenbach stillgelegt, der abgebaute Lehm wurde woanders verarbeitet. Später wurde gar kein Lehm mehr abgebaut.
Im Jahre 1991 stellte das Ziegelwerk Klosterbeuren einen Bauantrag zum Abbau von Lehm und zum Transport nach Klosterbeuren. Der Antrag wurde genehmigt, verknüpft mit einer Rekultivierung nach Beendigung des Lehmabbaus. Die Rekultivierung sah die Abböschung des Steilhangs vor, mit Bepflanzung, Wasserflächen und Wiesenflächen. 2001 wurde die Abbaugenehmigung verlängert.
2010 stellte die Firma Soladis, eine Tochter des Klosterbeurer Ziegelwerks einen Änderungsantrag zum Bauantrag von 2001 mit dem Ziel, die Lehmgrube mit 850.000 m³ belastetem Material zu füllen.

Die eiszeitliche Landschaft

Die Allgäuer Landschaft ist vor allem ein Produkt der letzten Eiszeiten in denen weite Flächen von Eis bedeckt waren. Sie sind nach den Flüssen im Bereich ihrer weitesten Ausdehnung benannt. Das sich vorschiebende und später zurückweichende Eis hinterließ Schotter, dievom anstehenden Gestein abgehobelt und mit dem Eis und dem Schmelzwasser transportiert wurden. Die Hinterlassenschaften werden als Moränen bezeichnet; lagen sie unter dem Eis sind es Grundmoränen, wurden sie seitlich aufgeschüttet sind es Seitenmoränen und schob das Eis sie vor sich her, dann sind es Endmoränen.
Würden wir in gerader Linie von der Iller bei Illerbeuren über die Kronburg nach Woringen laufen, würden wir alle Eiszeiten durchqueren. Und das tun wir kurz in Gedanken:
Am Illerstrand bei Illerbeuren auf etwa 600m Höhe haben wir den Auenboden, der in die Niederterrasse mit den Schottern der jüngsten Eiszeit, der vierten, der Würmeiszeit, übergeht. Sie endete vor etwa 11.000 Jahren. Der Ort Illerbeuren erstreckt sich von dieser Aue über die Terrasse bis auf etwa 620 m Höhe.
Ab dort steigen wir nach Kronburg hinauf. Der Hang besteht aus Molasse, einem voreiszeitlichen, vom Wasser herangeführten und verfestigten Gestein, das aus der Zeit der Alpenentstehung stammt. Es setzt sich aus groben und feinen Sanden, Kiesen, und Tonen unterschiedlicher Mengen zusammen. Im Grunde ist es Schutt, der in den Alpen abgetragen wurde und dann von den voreiszeitlichen Flüssen verfrachtet wurde. Diese Molasse wird in der Lehmgrube abgebaut.
Darüber haben wir wieder eine Schotterterrasse, die Hochterrasse mit den Hinterlassenschaften der dritten Eiszeit, der Riß-Eiszeit. Sie endete vor etwa 125.000 Jahren. Auf dieser Terrasse stehen wir auf rund 660 m Höhe und sehen den Hurrenwald zwischen Kronburg und Dickenreishausen.
Steigen wir weiter auf, laufen wir durch Kronburg und erklimmen dabei wieder einen Molassehang.
Haben wir das Schloss erreicht, stehen wir auf der Terrasse der ersten Eiszeit, der Günz-Eiszeit die vor 600.000 Jahren endete.
Wir steigen von dort hinunter ins Fuchsloch, ein Molassetal, erklimmen auf der anderen Seite den Hang mit den Woringer Wäldern. Dort stehen wir nun auf der Schotterterrasse der zweiten Eiszeit, der Mindel-Eiszeit. Sie endete vor etwa 230.000 Jahren.
Steigen wir von dort hinunter, gelangen wir nach Woringen in eine breite Schotterebene mit Sand- und Kiesabbau. Dies ist das Tal der Ur-Iller, die durch die Eiszeiten in ihr heutiges Bett verlegt wurde.

Die Lehmgrube der Ziegelei Hackenbach

Stehen wir vor der Lehmgrube sehen wir die erwähnte Molasse, hier einen relativ sandigen Lehm der sich für die Herstellung von Ziegeln für den Baubereich eignet und der rund 100 Jahre zu diesem Zweck abgebaut wurde. In der Abbauwand kann man auch von ferne verschiedene Schichten erkennen, denn das Wasser sortierte das herangetragene Material nach Korngrößen.
Was passiert nun mit solchen Lehmgruben, wenn man sie nicht mehr braucht? Früher hat man gar nichts gemacht; man hatte kaum technische Möglichkeiten. Manchmal warf man seinen Müll und Erdaushub hinein, der war ungiftig, also problemlos. War der Lehm am Grund dicht, bildeten sich oft regenwassergespeiste Seen. In der Regel holte sich die Natur das Gelände zurück.
Später verfüllte man die Gruben mit Aushub und Müll. Der Müll wurde mit der Industrialisierung mehr und giftiger. War die Grube nicht dicht, verseuchte Sickerwasser das Grundwasser und damit das Trinkwasser. Mit steigendem Umweltbewustsein und der Einsicht, dass man sich selbst vergiftete, wurden die Auflagen für solche Gruben härter. Es kam die Pflicht dazu, die Gruben zu rekultivieren oder renaturieren, sie also in den ungefähren ursprüngliche Zustand zurück zu versetzen.
Kreative Menschen kamen auch auf andere Ideen: So werden Lehm- und Kiesgruben, Steinbrüche und andere Abbaugruben als Freizeiteinrichtungen verwendet, wie Badeseen, BMX-Gelände usw. Es gibt Steinbrüche die wurden durch Ausschlagen von Terrassen zu Theaterbühnen. Oft lässt man der Natur ihren Lauf und nutzt dies, um den Menschen die natürlichen Grundlagen nahe zu bringen.
Für Hackenbach sollte die Situation so bleiben wie sie ist: Zum einen die Nutzung des vorderen Bereiches als Bolzplatz für die Jugend und für Feste, zum anderen sollte im hinteren Bereich der Natur freier Lauf gelassen werden, so wie es seit Jahren schon geschieht.
Zuerst siedeln sich so genannte Pionierpflanzen an, die dem weiteren Bewuchs den Weg ebnen. Pionierarten ertragen meist extremere Umweltbedingungen als andere Arten. Die Böden einer wenig entwickelten Pionierfläche sind oft arm an Nährstoffen oder ungleichmäßig versorgt. Der Pionierbewuchs und die folgende Entwicklung wirken ausgleichend. Typische Pionierarten besiedeln neu geschaffene Lebensräume rascher als andere Arten. Dafür werden sie später von der stärkeren Konkurrenz verdrängt. Sie sind also zum Überleben auf ständig neue Pionierflächen angewiesen, die auf natürliche Weise durch Naturkatastrophen entstehen und künstlich durch Eingriffe des Menschen. Durch den Verlust von Extremstandorten, vor allem wegen der Kultivierung durch den Menschen, sind manche Pionierarten vom Aussterben bedroht oder ausgestorben.
Da die Grube nicht betreten werden darf, kann man nur vom Rand in die Grube sehen. Man erkennt verschiedene Kräuter und Gräser. An Bäumen gibt es im Randbereich Eschen und Ahorn, weiter innen Birken und Weiden. Wahrscheinlich ist, dass auch Brombeeren, Hasel, Schlehe und Vogelbeere sich niederlassen.
Maximilian von Vequel-Westernach hat in einer Facharbeit fürs Abitur die Tierwelt der Lehmgrube und der Iller in dem Bereich in dem wir wandern untersucht. Er hat folgende Vögel gefunden: Goldammer, Rohrammer, Bekassine, Teichhuhn, Blässhuhn, Mehlschwalbe, Rabenkrähe, dazu die Gelbbauchunke und die Sumpfschrecke, die beide geschützte Arten sind. Die Libellen in der Lehmgrube hat Niklas Clemens kartiert. An geschützten Arten hat er den südlichen Blaupfeil, die kleine Pechlibelle und die kleine Binsenjungfer gefunden.
Unser technisches Zeitalter hat die Lebensqualität verbessert, aber auch gewaltige Probleme mit sich gebracht: Energie- und Rohstoffverbrauch, soziale Ungleichgewichte. Wir sind möglicherweise dabei das Klima so zu verändern, dass es zur Verschiebung der Vegetationszonen und zur Wanderung von Tieren und Menschen kommen wird.
Wir haben heute schon Flächen die auf Grund menschlichen Handelns unbewohnbar sind. Wir haben bedingt durch Überdüngung immer mehr Schwierigkeiten sauberes Wasser zu bekommen. Wir haben zur Zeit keinen Grund zur Panik, aber wir sollten uns überlegen, unseren Lebensstil so zu ändern, das die Situation sich nicht verschärft und wir müssen Strategien entwickeln, wie wir uns an die neue Situation anpassen können. Einer dieser Schritte muss sein, belastete Abfälle nicht mehr einfach in Gruben abzulagern sondern Möglichkeiten der Wiederverwertung und der Vermeidung solcher Abfälle zu entwickeln.

Tuffstufen im Paradies

Im so genannten Paradies sehen wir einen Hang, aus dem Wasser quillt. Ursache ist der Wasserkreislauf. Sehr vereinfacht gesagt: Der Regen fällt, das Wasser versickert im Boden; es staut sich an wasserundurchlässigen Schichten, es entsteht Grundwasser; werden diese wasserundurchlässigen Schichten von einem Hang angeschnitten wie hier, tritt das Wasser aus. Diese Quellen werden deshalb Sicker- oder Schichtquellen genannt.
Das Wasser rieselt hier breitflächig, in ständig sich änderndem Verlauf, ohne ein deutliches Gerinne. Die Fließgeschwindigkeit hängt vom Gefälle ab, von der Wassermenge und der Wasserführung, also wie der Untergrund beschaffen ist und wie viel dabei versickert. Das Wasser ist kalt und sauerstoffarm und sammelt sich am Hangfuß in einem Teich. Die Wasserqualität ist unterschiedlich; sie hängt davon ab, wie tief das Wasser durch filternden Boden musste und wie dieser Boden beschaffen ist und natürlich auch davon, was das versickernde Wasser von der Oberfläche mitnimmt.
Im Bereich der Quelle sehen wir mit den Weiden einen völlig anderen Baumbewuchs als direkt daneben am gleichen Hang, wo vor allem Eschen, Buchen und Fichten stehen. Auch die Kraut- und Strauchschicht fehlen im Bereich der Quelle völlig.
Das Wasser rieselt über Kalkstufen. Wie entstehen die? Die Quelle liegt in einem relativ schattigen Bereich. Das Wasser rieselt in einem dünnen Film, so dass sich Moose entwickeln und halten können. Der Kalk des Bodens wird durch Säuren im Wasser gelöst (vor allem Kohlensäure). Kaltes Wasser kann mehr Kalk aufnehmen als warmes Wasser. Tritt das Wasser aus, erwärmt es sich durch die Luft, aber vor allem durch den wärmeren Grund. Außerdem wird ein Teil der Kohlensäure an die Luft abgeben und von den Pflanzen entzogen. Der Kalk verlässt das Wasser, er fällt aus. In den Moosen sammelt sich der ausgefallene Kalk, lagert sich ab und bildet eine Kruste. Das Moos wächst, der folgende Kalk lagert sich ab und so weiter, die Kruste wird dicker. Diese Kruste wird als Kalktuff oder Moostuff bezeichnet. Würde das Wasser gesammelt in einem Bach fließen, würde sich dadurch das Bachbett immer weiter heben, es entstehen die so genannten steinernen Rinnen. Eine der größten mit ungefähr zwei Meter Höhe finden Sie in Usterling in Niederbayern.
Besonders starke Kalktuffvorkommen hat man abgebaut. Der Kirchturm in Illerbeuren besteht aus diesem Stein. Die Struktur des Steines entsteht dadurch, dass die Moos- und Pflanzenreste herauswittern.
Nebenbei: Nun wissen Sie warum sich in Ihrer Warmwasserleitung oder im Wasserkocher mehr Kalk absetzt als in der Gießkanne im Garten oder im Kaltwasserrohr: Weil aus dem heißen Wasser mehr Kalk ausfällt als aus dem Kalten. Nun wissen Sie aber auch, wie Sie einfach, billig und gesundheitsbewusst entkalken können: Mit Essig oder Zitronensäure. In den Entkalkern ist in der Regel auch nichts anderes, allerdings weniger und zusätzlich Chemie. Sie wissen nun auch, wie Karies an den Zähnen funktioniert. Und Sie sollten Steinböden deshalb nie mit säurehaltigen Mitteln putzten.

Iller Altarm – Klein-Afrika

Vor den Eiszeiten floss die Iller durch das Trockental in dem die Autobahn Ulm-Kempten liegt. Die Eiszeiten verlegten sie in ihr heutiges Bett. Ein Fluss entsteht dadurch, dass Wasser aus vielen Quellen über Bäche zusammenfließt. Folgt man einem Fluß von der Quelle im Gebirge bis zur Mündung, können wir drei Bereiche unterscheiden. Sie können je nach den Landschaften die sie durchfließen verschieden lang sein.
Der Oberlauf ab der Quelle verläuft relativ gerade, abgelenkt oft nur von von Felsen die härter als das umgebende Gestein sind und vom fließenden Wasser nicht zerstört wurden. Die Wassermenge ist relativ gering und fließt in der Regel auf Grund des Gefälles schnell.
Im Mittellauf fließt mehr Wasser, weil andere Bäche zufließen. Weil das Gefälle geringer wird, wird der Abfluss langsamer. Der Fluss fließt in langen kaum ausgreifenden Schleifen. Er spaltet sich oft in mehrere Arme. Im Unterlauf fließt der Fluss sehr langsam, wegen des geringen Gefälles. Das Wasser ist noch einmal mehr geworden, und fließt in kurzen weit ausgreifenden Schleifen. Man sagt der Fluss mäandriert.
Wie kommt es dazu? Ein Fluss ist in der Mitte tiefer als am Rand. Je tiefer das Wasser ist, desto schneller fließt es auch. In der Mitte des Flusses ist damit das Wasser in der Regel am schnellsten. Dieser Bereich wird Stromstrich genannt. Der Stromstrich möchte nun seinen Durchflußquerschnitt vergrößern, indem er Material abträgt.
Zwischen Altusried und Lautrach durchbricht die Iller die von den Eiszeiten aufgehäuften Moränen. In einer solchen Landschaft mit lockerem Gestein, ist es dem Wasser leicht möglich, Material abzutragen. Unregelmäßigkeiten im Flussbett, wie größere harte Felsen, die das langsame Wasser nicht beseitigen kann, lenken den Stromstrich ab. Der Stromstrich beginnt zu pendeln.
Der Stromstrich verlagert sich dabei in die Richtung, in die er abgelenkt wird, in die Außenkurve des Flusses, wo der Fluss sich vertieft. Gleichzeitig wird der Hang abgetragen auf den der Stromstrich trifft, der sogenannte Prallhang. In der Innenkurve lagern sich dagegen Sand und Kies ab, das Flussbett verflacht; weil das Wasser dort nur vorbeigleitet, wird das Ufer als Gleithang bezeichnet. Durch das Zusammenspiel von Stromstrich, Prallhang und Gleithang werden die Schleifen mit der Zeit immer weiter rückwärts verlagert.
An den bis 100m hohen Prallhängen des Ilerdurchbruches finden wir viele Stadien der Landschaftsentwicklung, Pionierstandorte, verschiedene Übergangsphasen bis zur Waldlandschaft, die für diese Gegend eigentlich typisch ist.
Das Mäandrieren kann soweit gehen, dass der Fluss in manchen Bereichen sogar ein Stück in die Gegenrichtung fließt. Auf diese Weise können Schleifen mit der Zeit zusammenwachsen. An so einem Durchbruch zweier Schleifen bleiben die Schleifenreste als sogenannte Altarme des Gewässers zurück.
Vor dem Rest eines solchen Altarmes stehen wir an der Stelle, die im Volksmund Klein-Afrika genannt wird. Wir haben eine Röhrichtaue vor uns.
Bitte bedenken sie, dass dieser Standort den Pflanzen einiges abverlangt: Die Pflanzen müssen grundsätzlich wassertolerant sein, sie müssen sich dem fließenden Wasser entgegenstellen und sie müssen den Druck steigenden und sinkenden Wassers aushalten.
In diesen Auen brüten vor allem viele Wasservögel wie Rohrdommel, Rohrammer, Rohrschwirl und, als Greifvogel die Rohrweihe. Dazu kommen viele Insekten wie z.B. Libellen. An der Iller wurden unter anderem folgende Vögel gesichtet: Grauschnäpper, Buntspecht, Dorngrasmücke , Grauspecht, Gartengrasmücke, Schwarzspecht, Gartenbaumläufer, Schwanzmeise, Rotkehlchen, Eichelhäher, Kleiber, Wacholderdrossel, Kuckuck, Sumpfmeise.
An Pflanzen finden sich hier z.B Seidelbast, Sterndolde, Enziane, Salbei, Türkenbundlilie, Einbeere, Eisenhut und Herbstzeitlose. Sabrina Heinzmann hat für ihre Seminararbeit in den Illerauen Pflanzen kartiert und unter anderen die geschützten Arten Rotes Waldvögelein und Ährige Teufelskralle gefunden.

In den 30er und 40er Jahren des letzten Jahrhunderts wurde die Iller für die Stromerzeugung stark verändert. Es wurden Kraftwerke gebaut, wie Altusried, Fluhmühle, Legau, Maria Steinbach und Lautrach. Spätestens ab dem Kraftwerk Lautrach ist der Fluss bis zur Mündung in die Donau praktisch komplett begradigt. Dies führte dazu, dass sich die Fließgeschwindigkeit erhöhte, was wiederum die Abtragung verstärkte und der Fluss grub sich immer weiter ein. Die Folge war eine noch stärkere Verbauung bis zur heutigen Situation.
Die Staustufen der Kraftwerke veränderten den Wasserabfluss. Hinter den Mauern entstandene Stauseen überfluteten die Auen und beseitigten sie damit. Auch die Abtragung an den Prallhängen hörte in diesen Bereichen auf. An den Einläufen der Stauseen fließt das Wasser langsamer als natürlich, so dass die Arbeit des Wassers eingeschränkt ist. Nur das Wasser, das durch die Turbinen fließt, fließt auch durch die Staumauer. Dadurch ist der Wasserstand der Iller insgesamt gesunken und der Nährstoffeintrag in die Auen wird weniger. Nur wenn zu viel Wasser aus Richtung Quelle kommt, werden die Stautore geöffnet.

Die Kiesgruben in Unterbinnwang

Die Allgäuer Landschaft ist ein Produkt der letzten Eiszeiten. Das sich vorschiebende und später zurückweichende Eis hinterließ die Moränen aus Schotter und Sand die hier nun abgebaut werden, um sie vor allem im Straßen- und Versorgungsleitungsbau sowie bei der Betonherstellung zu verwenden.
Moränen sind je nach Untergrundmaterial und vom Eis transportierter Menge unterschiedlich mächtig. Oft sind Moränen einer Eiszeit von der nächsten Eiszeit wieder ganz oder teilweise abgetragen worden. Deshalb lohnt sich der Abbau nicht überall und es sind Bohrungen oder Probegrabungen nötig. Die Rekultivierung dieser Gruben ist mit einfachem Erdaushub vorgesehen. Auf einer Fläche ist dies bereits geschehen.

Die Märzenbecherwiese – eigentlich ein Auwald

Der Fluss durchbricht zwischen Au und Lautrach ein Moränengebiet. Besonders schön sichtbar ist das an den hohen Steilufern zwischen Au und Fischers sowie bei Grönenbach. Wir sehen hier die typische Mänadersituation aus flachem Gleithang und steilem Prallhang. Der Fluss hat sich durch die Moränen bis in die Molasse eingegraben.
Die Märzenbecherwiese liegt direkt am Strand der Iller. Zur Blütezeit der Märzenbecher, auch Frühlings-Knotenblume genannt, ist der Boden mit tausenden Blüten übersät. Der Märzenbecher ist ein Narzissengewächs und steht meist in Gruppen. Charakteristisch ist die Glockenblüte mit sechs Blättern und den grünen oder gelben Tupfen in den Blattspitzen. Der Duft ist veilchenartig. Der Märzenbecher ist giftig; Vergiftungen führen zu Übelkeit und Herzrhythmusstörungen.
Der Märzenbecher liebt feuchte Wälder, Schluchtwälder Auwälder, nährstoffreiche, leicht kalkhaltige Böden. Wir stehen am Gleithang in einem Auwald der bei Hochwasser immer wieder überschwemmt wird, wodurch mit dem Schlamm des Wassers Nährstoffe hereingetragen werden.
Typischer natürlicher Bewuchs des Auwaldes sind Erlen, es gibt aber auch Eschen. Durch den erwähnten Nährstoffeintrag ist ist die Krautschicht besonders üppig. Es gibt Sumpfsegge, Rohrglanzgras, Giersch, Bittersüßer Nachtschatten, Riesenschachtelhalm, Brennnesseln und den Märzenbecher. In der dichten Strauchschicht finden wir Pfaffenhütchen, Hartriegel, Holunder und Hasel.
An den Gleithängen können bisweilen schöne Kies- und Sandstrände entstehen. Vor allem zu Zeiten der Schneschmelze oder wenn es im Quellgebiet stark regnet, steigt der Wasserstand der Iller. Die Gleithänge werden dabei überflutet. Der Schlamm, den der Fluss mitbringt, lagert sich ab und mit ihm Nährstoffe. Dies führt zur Entstehung der Auen.
Je mehr sich am Gleithang ablagert, desto weiter rückt der Auwald auch in Richtung Fluss vor. Die auf die Auwälder folgenden Wiesen werden vor allem als Grünland zur Gras- und Heugewinnung sowie als Weiden genutzt. Dadurch, dass die Auwälder auf der langsam trocknenden Wiesenseite immer weiter beseitigt wurden, wurden die nutzbaren Wiesen auf dieser Flussseite größer. Während der Auwald gleich blieb und sich auf die unbenutzbar feuchten Standorte beschränkte.
An der Prallwand gegenüber sieht man die verschiedenen Schichten aus lehmig-sandigem und steinigem Material. Die Wälder auf diesen Steilufer sind weitgehend naturnah erhalten, da eine Nutzung kaum möglich ist: Der Boden ist feucht und abbruchgefährdet. Immer wieder musste Wirtschaftsland aufgeben werden, weil der Fluss heranrückte. In den Archiven findet man Klagen von Bauern, die sich am Fluss niederließen, wegen des günstigen Bodens und der günstigen Wasserverhältnisse, die aber vor allem nach einem Hochwasser manchmal hunderte Quadratmeter Land verloren.
Diese Wälder setzen sich an feuchteren Stellen vor allem aus Eschen, Bergahorn, Bergulme und Tanne zusammen. An sehr feuchten Stellen kommen Erlen dazu. An Stellen die länger vom Wasser nicht angegriffen wurden, können die Bäume bis ans Wasser reichen, wenn die Wand nicht zu steil ist. In der Strauchschicht finden wir Feuchte- und stickstoffliebende Pflanzen wie Springkraut, Sumpfdotterblume und Sumpfsegge. Ist der Boden kalkhaltig können wir Riesenschachtelhalme sehen.
An den trockeneren weiter vom Ufer entfernten Stellen kommt die Buche hinzu, die anderen Baumarten werden weniger. In den fast reinen Buchenwäldern ist es so schattig, dass eine Strauchschicht und junger Baumwuchs vor allem dann entsteht, wenn das Blätterdach aufgerissen wird, weil ein Baum umgefallen ist. Wächst diese Lücke zu, verschwindet auch die Strauchschicht wieder. Auch die Krautschicht ist sehr dünn, es findet sich vor allem Waldmeister.
Wird der Standort noch trockener, findet sich vor allem an Hängen ein lichter Buchenwald mit üppiger Strauchschicht aus Hasel, Liguster und gemeinem Schneeball. Die meisten Wälder dieser Gegend sind jedoch nicht natürlich. Es sind vom Menschen angelegte Forste in denen die Fichte dominiert.

Quellen:

Blümel, Siegfried:
Kronburg-Illerbeuren. Ein heimatgeschichtlicher Beitrag über die ehemalige Herrschaft Kronburg.
Kronburg-Illerbeuren 1982

Clemens, Niklas:
Kartierung der Libellenfauna in der Lehmgrube Hackenbach und Kalktuffquelle Unterbinnwang.
Seminararbeit im Fach Biologie am Bernhard-Striegel-Gymnasium Memmingen, Memmingen 2011.

Heinzmann, Sabrina:
Botanische Kartierung ausgewählter Arten beidseitig der Iller zwischen Wagsberg und Oberbinnwang.
Seminararbeit im Fach Biologie am Bernhard-Striegel-Gymnasium Memmingen, Memmingen 2011.

Hutter, Claus-Peter (Hrsg.); Fink, Conrad; Otte, Annette:
Ackerland und Siedlungen. Biotope erkennen, bestimmen, Schützen.
(= Biotop-Bestimmungs-Bücher Band 7)
Stuttgart, Wien, Bern, 1999.

Hutter, Claus-Peter (Hrsg.); Konold, Werner; Schreiner, Johann:
Quellen, Bäche, Flüsse und andere Fließgewässer. Biotope erkennen, bestimmen, Schützen.
(= Biotop-Bestimmungs-Bücher Band 5)
Stuttgart, Wien, Bern, 1999.

Kettemann, Otto; Winkler, Ursula (Hrsg.)
Die Iller. Geschichten am Wasser von Noth und Kraft.
Kronburg Illerbeuren 2000.

Pott, Richard:
Allgemeine Geobotanik.
Heidelberg und Berlin 2005.

Scholz, Herbert:
Bau und Werden der Allgäuer Landschaft.
Stuttgart 1995.

von Vequel-Westernach, Maximilian :
Wasservogelrevierkartierung an der Iller zwischen Oberbinnwang und Wagsberg.
Seminararbeit im Fach Biologie am Bernhard-Striegel-Gymnasium Memmingen, Memmingen 2011.

Natur statt Deponie – Wanderung mit Picknick am 16.7.20011

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