Internet und Vereinsamung


In einer neuen Studie des ifo-Instituts, Bereich Humankapital und Innovation untersuchen die Wissenschaftler Ludger Wößmann, Stefan Bauernschuster und Oliver Falck den Zusammenhang zwischen Internetnutzung und Vereinsamung

Artikel aus Spiegel – Online

Es ist eben der Zweck, der die Mittel heiligt. Am Wochenende schlug Papst Benedikt XVI einmal mehr in die Skepsis-Kerbe und warnte davor, dass die „unbegrenzten Möglichkeiten des Internets und anderer moderner Technologien“ die jungen Menschen „betäuben“ und nicht zu einem „Wachstum an Menschlichkeit“ beitrügen. Sie liefen Gefahr, zu vereinsamen und die Orientierung zu verlieren. So mancher Offliner und Netz-Skeptiker nickt da weise: So ist das, wissen wir das nicht alle?

Glauben heißt nicht wissen
Die sind so detailliert gezeichnet wie hartnäckig und kumulieren oft in der Vorstellung, dass die Nutzung des Netzes Menschen zu „kontaktarmen Sonderlingen“ mache. Eine fast konsensfähige Vorstellung, die auch viele Politiker und Eltern teilen (und das, obwohl sich die negativen Effekte bei ihnen selbst nicht einstellen wollen). Geschichten und Berichte über pathologische Extremfälle bestätigen die Legende immer wieder. Doch belastbare Daten, die sie bestätigen könnten, gab es bisher nicht – die Mär vom vereinsamten Internet-Nerd ist rein anekdotisch.

Genau das wollten Wößmann, Bauernschuster und Falck ändern: Ihre ifo-Studie fragt, ob Internetnutzung wirklich dem sogenannten Sozialkapital schade – den Kontakten und den sich daraus ergebenden Nutz- und Vertrauensverhältnissen zwischen Menschen.

… und die Daten erzählen eine andere Geschichte

Was sie fanden, stellt die Mär vom einsam machenden Web regelrecht auf den Kopf: Internetzugang führe unter anderem dazu, dass Menschen sich politisch und ehrenamtlich mehr engagieren, mehr Freunde haben und messbar häufiger Theater, Kino, Konzerte, Bars und Sportveranstaltungen besuchen. Für Web-Nutzer ist das eine Binsenweisheit: Onliner sind eben vernetzter und oft auch informierter – und sie sind Kommunikationsjunkies.

Doch solche Dinge als Binsenweisheit zu nehmen, ist etwas anderes, als sie zu messen. Die ifo-Forscher glichen Daten über die Verfügbarkeit eines DSL-Zugangs im Haushalt mit Erkenntnissen über das soziale Verhalten von mehr als 18.000 Personen im sogenannten sozio-ökonomischen Panel miteinander ab. Das Pech vieler Bewohner der östlichen Bundesländer erwies sich dabei als Glück für die Forscher: Dass dort in weiten Bereichen bis heute DSL nicht verfügbar ist, weil die Haushalte mit Glasfaser verkabelt wurden, lieferte wertvolle Kontrolldaten.

Ludger Wößmann: „In diesem Fall ist die Internetverfügbarkeit also dem Zufall geschuldet und nicht einer bewussten Entscheidung, mit der entweder unternehmungsfreudige oder aber auch introvertierte Menschen sich tendenziell eher einen schnellen Internetzugang anschaffen. So können wir sichergehen, dass wir tatsächlich den Einfluss des Internets auf das Sozialverhalten schätzen und nicht umgekehrt.“
Die Ergebnisse wiesen durchweg auf einen positiven Effekt des DSL-Anschlusses – also der intensiveren Internetnutzung – auf soziale Kontakte und gesellschaftliches Engagement hin. „In keinem einzigen Fall der zahlreichen untersuchten Aspekte des Sozialverhaltens finden sich Belege für negative Effekte eines Internetzugangs“, erläutert Bauernschuster.

Die neuen Befunde belegten erstmals, dass das Internet das sogenannte Sozialkapital zumindest nicht zerstört, sondern sogar eher fördert: Statt Tätigkeiten zu verdrängen, bei denen die Möglichkeit zu persönlichen Kontakten zwischen Menschen im Mittelpunkt steht, erhöht es der Studie zufolge das gesellschaftliche Engagement und die sozialen Kontakte. Das Internet stelle ja auch vielfältige Informationen über soziale Veranstaltungen und gesellschaftliches Engagement zur Verfügung und erleichtere so die Kommunikation. „Das Internet verbindet Menschen und macht aus ihnen im Durchschnitt kontaktfreudigere, sozial und politisch engagiertere Menschen“, fasst Falck zusammen.

Kommunikation und Information fördern Aktivität

Tatsächlich spielen Internet-Kommunikationsstrukturen beispielsweise bei der Entstehung und Koordination bürgerlichen Engagements im politischen Raum seit Jahren eine nicht zu unterschätzende Rolle: Man denke nur an den vor allem aus dem Web heraus kommunizierten Widerstand gegen die Vorratsdatenspeicherung oder die sogenannten Kinderpornografie-Sperrlisten, bei denen diese Web-Bürgerbewegung binnen weniger Wochen in die bisher größte Petition an den Bundestag mündete. Die Protestkultur von Attac bis hin zu Stuttgart 21 stützt sich seit mehr als einem Jahrzehnt ganz selbstverständlich auf Web und Handys.

Doch das ist nur eine Facette. Signifikant an der ifo-Studie sind vor allem zwei Dinge: Web-Nutzung hat keinen negativen Einfluss auf sogenannte Face-to-Face-, also persönliche Sozialkontakte (außer mit Verwandten: Web-Nutzer haben weniger Verwandtschafts-, aber mehr Bekanntschaftskontakte). Und: Der Vergleich zwischen DSL- und Nicht-DSL-Land zeigt, dass Onliner aushäusig aktiver sind und über einen deutlich größeren Kreis nichttiefgehender Sozialkontakte verfügen (landläufig: „Bekannte“), ohne aber über eingeschränkte tiefgehende Sozialkontakte klagen zu müssen (landläufig: „Freunde“).

Platt gesagt kennen Onliner also mehr Menschen und pflegen Kommunikation mit ihnen – das Web fördert somit die Vernetzung der Gesellschaft. Natürlich gibt es messbare Vereinsamungstendenzen, wenn man diese anhand pathologischer Fälle studiert: Online- oder Spielesüchtige etwa, deren Isolation mit oft exzessiver Web-Nutzung korreliert. Doch wo ist hier die Henne, wo das Ei?

„Unsere Ergebnisse“, schreiben Bauernschuster, Falck und Wößmann abschließend, „legen nahe, dass das Internet tatsächlich einen ursächlichen positiven Effekt auf das Sozialkapital der Menschen hat und sie im Durchschnitt nicht zu kontaktarmen Sonderlingen macht.“

Wer es nicht nutzt, erlebt seine positiven Effekte auch nicht. Offliner, könnte man da behaupten, sind also einsamer.

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