Kleine Geschichte schwäbischer Renitenz


„Wer hätte das diesen braven Häuslebauern zugetraut?“ Die Frage fällt früher oder später, wenn von außerhalb auf die Proteste gegen Stuttgart 21 geschaut wird. Dabei ist der Widerstand schon lange im Südwesten zu Hause.
Als Schwabe bekommt man zumeist von Menschen norddeutscher Provenienz zu hören, wir, die Schwaben, seien zwar tüchtig, fleißig und sparsam, aber auch bieder und brav bis zur Langeweile: kein aufrührerisches Volk also. Manfred Rommel hat einmal sinngemäß geschrieben, eine schwäbische Revolution sei, wenn einige Mannen am Stammtisch hinter ihrem Trollinger sitzen und sich über die Politik kritisch äußern. Angesichts dieses Stereotyps wundert sich nun alle Welt, dass ausgerechnet in Stuttgart ein Aufstand gegen ein Verkehrsprojekt losgebrochen ist. Das scheint so gar nicht zur schwäbischen Mentalität zu passen.
Oder vielleicht gerade doch? Der Ulmer Oberbürgermeister Ivo Gönner, ein Befürworter des Projekts, glaubt ein Motiv des Widerstandes erkannt zu haben: „In Schwaben haben viele das Gefühl: Was groß ist, ist unnötig.“ Wäre das so, dann hätten sich die Stuttgarter einstens gegen den groß dimensionierten Bonatz-Bahnhof wehren müssen, mit dem sie sich aber identifizieren.

Was immer diejenigen antreibt, die gegen Stuttgart 21 protestieren, es ist Glückssache, in den vermeintlichen oder tatsächlichen Stammeseigenschaften nach Ursachen zu fahnden. Sicher ist indes, dass das Bild vom braven, obrigkeitshörigen Schwaben falsch ist. Das belegt der Blick auf die Geschichte des deutschen Südwestens.

Unruhen unter den schwäbischen Bauern hatte es zwar schon im Mittelalter gegeben, aber an der Wende zur Neuzeit wurde aus dem Protest eine Form politischer Partizipation. Das begann mit dem „Armen Konrad“ 1514 in Beutelsbach. Der immer finanzklamme Herzog Ulrich, der die direkten Steuern nicht mehr zu erhöhen wagte, griff zu einem Trick und ließ, bei unveränderter Bezeichnung, die Gewichte herabsetzen. Ein Pfund hieß zwar noch ein Pfund, wog aber nur noch zwei Drittel seines eigentlichen Gewichts. Das traf vor allem die ärmeren Schichten, die nun ihrem Unmut Ausdruck verliehen. Der aufrührerische Peter Gais warf unter allgemeinem Beifall die falschen Gewichte in die Rems. Daraus entstand, noch vor den Bauernkriegen, eine Protestbewegung, eine Schwur-gemeinschaft, die sich „Armer Konrad“ nannte und als Symbol des frühen Widerstandes im Südwesten gelten kann.

Der zivile Ungehorsam der Bauern zwang die Regierung zum Handeln. Ein nach Tübingen einberufener Landtag sollte den Beschwerden Gehör verschaffen, und am Ende stand der Tübinger Vertrag. Um ein Haar verpassten die Aufständischen die Einführung der Demokratie im alten Württemberg. Als der Herzog sieben-tausend Remstäler Bauern vor den Toren Schorndorfs aufforderte, den Tübinger Vertrag anzuerkennen, hätten sie ihn festnehmen und absetzen können, denn er war nur mit geringem Gefolge erschienen. Dieser Augenblick hätte die Geburtsstunde der Demokratie in Württemberg sein können, wie sie in der Schweiz ja schon praktiziert wurde. Aber niemand gab den Befehl, den Herzog zu fangen. Keiner von den siebentausend Mann war in der Lage, aus dem Gebäude von Ehrfurcht auszubrechen, in dem sie aufgewachsen waren. Es fehlte, wie dann auch in den Bauernkriegen, eine Führerpersönlichkeit, ein Mann des großen Zuschnitts, der die Unruhekräfte mit staats-männischem Blick hätte zusammenfassen können. Dieses Dilemma findet sich noch öfters in der deutschen Geschichte.

Ein anderer Markstein des Widerstandes sind die Bauernkriege, die 1524 im Südwesten ausbrachen – und dies aus geringem Anlass: an einem Junitag ließ die Gräfin Helena von Lupfen-Stühlingen den Bauern, die mit der Heuernte beschäftigt waren, befehlen, für sie leere Schneckenhäuser zu sammeln, auf die sie ihr Garn wickeln wollte. Der Aufstand, der aus dieser Zumutung entstand, führte zu einer der größten politisch-sozialen Massenbewegungen in der deutschen Geschichte. Ein Bauernparlament sollte in Heilbronn ein Programm verabschieden, das auch das Wahlprinzip für politische Ämter vorsah.

Den Bauern fehlte es nicht an demokratischem Selbstbewusstsein. Das hing mit der Reformation zusammen. Sie hatte die bäuerliche Erhebung zwar nicht verursacht, ihr aber eine Legitimationsbasis verschafft. Umso nachteiliger wirkte sich aus, dass Martin Luther den Aufständischen die moralische Unterstützung mit den Worten entzog, man solle sie niederschlagen wie tolle Hunde. Luthers Zorn hatte insbesondere der Anführer Thomas Müntzer erregt, der versucht hatte, die Aufständischen in den Dienst radikaler Verchristlichung der Welt zu nehmen. Und weil es den Aufständischen an militärischer Geschlossenheit fehlte, konnte Georg Truchsess von Waldburg, der Heerführer des Schwäbischen Bundes, den Aufstand niederwerfen. Aber fortan war die Obrigkeit bestrebt, neuen Erhebungen vorzubeugen, indem man die ökonomische und politische Situation der Bauern verbesserte.

Als die französischen Revolutionsheere 1794 gen Süddeutschland vorrückten, sahen ihnen die Bauern und Städter mit Zuversicht entgegen und vertrauten darauf, dass der Krieg nicht den Hütten, sondern den Palästen galt. Württemberg war, so heißt es in einer Chronik, „zur Revolution ganz reif und aufgelegt“. Man stellte Freiheitsbäume auf und hoffte auf eine republikanische Staatsform. Umso größer war die Enttäuschung. Die halb verhungerte und demoralisierte französische Armee räuberte und brandschatzte in einer Weise, „als wenn die Hölle sich geöffnet hätte“. Die Bauern und Bürger griffen zur Selbsthilfe und wehrten sich mit guerillaähnlichen Aktionen. Sie lehrten die französischen Truppen buchstäblich das Fürchten. Aber ihre republikanischen Hoffnungen waren zunächst einmal zunichte.

„Wenn die Untertanen bellen, soll der Fürst die Ohren spitzen.“ Das ist ein badisches Wort, und von dort her keimte 1848 neue Hoffnung. Die badische Freiheitsbewegung wirkte auch auf Württemberg. Am 17. Januar 1848 versammelten sich in Stuttgart viele Bürger und forderten demokratische Grundfreiheiten. Allerdings wartete man dann ab, was die Nationalversammlung in Frankfurt bringen würde. Doch die Abgeordneten der Paulskirche scheiterten letztlich an ihrer politischen Unerfahrenheit. Das Rumpfparlament, das sich nach Stuttgart geflüchtet hatte, wurde von württembergischen Ulanen auseinandergetrieben. Die liberale Revolution war gescheitert.

Blickt man auf diese Vorgänge zurück, so erkennt man seit den Tagen des „Armen Konrad“ viel Mut, bessere Bedingungen herbeizuführen. Die Mehrheit der Menschen war nicht obrigkeits-hörig. Aber es gelang auf tragische Weise nicht, das jeweilige Aufbegehren in konkrete Politik umzusetzen. Man ist geneigt, von einem deutschen Verhängnis zu sprechen.

Das heißt nun nicht, dass jedes Aufbegehren umsonst oder folgenlos gewesen wäre. Dafür gibt es Belege auch in der neueren Geschichte. Gewiss, der Generalstreik, den die Arbeiter im schwäbischen Textilort Mössingen einen Tag nach Hitlers Machtübernahme ausriefen und auch befolgten, blieb eine isolierte Aktion, signalisierte aber auch, dass nicht alle mit der Entwicklung einverstanden waren. Die erste Euthanasie-Aktion, die das NS-Regime 1940 in Grafeneck auf der Schwäbischen Alb in Gang setzte, musste abgebrochen werden – nicht nur, weil der Landesbischof Wurm oder der Landrat von Münsingen ihre Stimme erhoben, sondern weil die Bevölkerung in den umliegenden Orten unruhig wurde, nachdem sie erkannt hatte, was die über dem Land stehende Rauchsäule zu bedeuten hatte.

Zur Erfolgsgeschichte des Protests gehört Wyhl in Südbaden. Als dort in den siebziger Jahren ein Atomkraftwerk gebaut werden sollte, protestierten zunächst nur einige Winzer. Daraus entwickelte sich dann ein Massenprotest, der zum Abbruch des Projekts zwang. Ministerpräsident Hans Filbinger sagte später, einer seiner größten Fehler sei gewesen, die Widerstandskraft der Bevölkerung unter-schätzt zu haben. Nicht von ungefähr hatten sich die Wyhler Demonstranten auf den „Armen Konrad“ berufen.

Von Werner Birkenmaier – erschienen am 28.8.2010 in der Stuttgarter Zeitung

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